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Besonderer Besuch – Zeitzeugen zweiter Generation

„Ihr tragt keine Verantwortung für das Geschehen und müsst euch nicht stellvertretend schuldig fühlen, doch ist es eure Aufgabe, euch mit der deutschen Vergangenheit auseinanderzusetzen und euer Bestes zu tun, damit so etwas nicht wieder passiert.“

Dies antwortete John Schmelzer (73), der Enkel eines ehemaligen jüdischen Musterschülers, auf die Frage nach unserer persönlichen Verantwortung als Deutsche. Gemeinsam besuchten er und seine Schwester Wendy (69), begleitet von ihren Ehepartnern, uns am 14. Juni 2022 in der Musterschule.

Bereits im Voraus hatten sich ein Schüler und eine Schülerin aus den beiden involvierten Geschichtskursen der Q2 von Frau Piller und Frau Guttmann mit den beiden im Rahmen eines Kennenlernens getroffen. Sie ermutigten uns im Plenumsgespräch, zu dem auch noch der Geschichts-LoK der E2 hinzustieß, all unsere Fragen zu stellen, da die beiden Amerikaner sehr offen und nahbar seien.

Dies taten wir dann auch, nachdem die beiden Kursstellvertreter/innen ein Erinnerungsschreiben von Johns und Wendys Mutter Marianne, einer ehemaligen Elisabethenschülerin (damaliger Mädchenzweig  der Musterschule), vorgelesen hatten. In diesem berichtete Marianne als Zeitzeugin von ihren Erlebnissen während des Nationalsozialismus. Davon, wie es war, nach und nach ausgeschlossen zu werden, um schließlich im Alter von 17 Jahren mit dem Wissen, die Eltern vermutlich nie wieder zu sehen über die Niederlande und England alleine in die Vereinigten Staaten zu flüchten.

In New York angekommen, versuchte Marianne zusammen mit ihrer besten Freundin, die mit ihr aus Frankfurt geflüchtet war, in den großen Synagogen der Stadt Aufmerksamkeit für die Situation der jüdischen Bevölkerung in Deutschland zu schaffen, um so auch finanzielle Unterstützung für andere jüdische Flüchtlinge so organisieren – denn ohne die nötigen finanziellen Mittel konnte niemand emigrieren! In diesem Zusammenhang erzählten John und Wendy uns auch eine fast filmreife Geschichte ihrer Großmutter: Nachdem der Großvater und der Onkel verhaftet worden waren, stellte die Gestapo das Haus der Kaufmanns-Familie auf der Suche nach Bargeld komplett auf dem Kopf. Doch sie wurden nicht fündig! – Das Geld, das für die Ausreise (also die Flucht in Ausland) gebraucht wurde, hatte die Großmutter in den Waschlappen versteckt – die hinter dem Haus auf der Wäscheleine im Wind wehten!

Unsere Fragen, die nach diesem ersten Eindruck aufgekommen waren, beantworteten uns ihre Kinder John und Wendy sehr ausführlich und ehrlich. John betonte hierbei mehrfach, dass er trotz seines Alters noch immer nicht in der Lage sei, alles zu beantworten, auch weil ihm selbst noch viele Antworten fehlten. Er gab uns mit auf den Weg, dass wir zunächst hinterfragen sollten, ob wir eine Frage beantworten können und sollten, bevor wir es leichtfertig tun. Es sei nichts Schlechtes daran, auch mal eine Antwort zu verweigern. Dies war vermutlich für viele von uns eine der wichtigsten Botschaften aus diesem besonderen Gespräch. Was wir außerdem mitgenommen haben war, wie wichtig die Aufarbeitung der Vergangenheit ist, und dass selbst kleine Gesten den betroffenen Menschen mehr bedeuten, als man zunächst ahnt.

Die Geschwister betonten wiederholt, wie dankbar sie für unser ehrliches Interesse an ihrer Familiengeschichte sein. Ebenfalls erzählten sie uns, dass sie einige Tage zuvor beim Denkmal am Börneplatz waren und es ihnen viel bedeutet hat den Namen ihrer jüdischen Großmutter dort zu finden. Sie sangen ihr zu Ehren ein jüdisches Trauerlied, welches, anstatt den Tod zu betrauern, das Leben ehrt.  Dieses Bild unterstreicht noch einmal John und Wendy Schmelzers Einstellung zum Thema Versöhnung.

Abschließend ist noch einmal festzuhalten, dass Betroffene des Nationalsozialismus‘ im Nachhinein eine sehr unterschiedliche Einstellung gegenüber Deutschland haben. Während Johns und Wendys Vater sein Leben lang nichts mehr von Deutschland wissen wollte und auch sehr verschwiegen war, hat ihre Mutter offen über ihr Leben in Deutschland berichtet. Kurz vor ihrem Tod, hatte sie versucht, ihre deutsche Staatsbürgerschaft zurückzuerhalten. Leider ist sie, bevor es dazu kam, verstorben. Nun trägt ihre Tochter Wendy für sie nicht nur ihre Familiengeschichte sondern auch ihre deutsche Staatsbürgerschaft wieder bzw. weiter.

Von Malena Nebe und Merle Unger (Q2)

Gespräch 2Wendy und John

Im Gespräch mit den Kursen der Q2 und E2 

 

 

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