Büchner-Porträts

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Nach dem Besuch des Literaturmuseums in Goddelau am 1. März 2017 schrieb der Leistungskurs Deutsch literarische Porträts zu markanten lebensgeschichtlichen Zeitpunkten von Georg Büchner.

 

 

„Meist heiter und voll Zufriedenheit“                                                      

Georg Büchner in Zürich

Und dann, am 18. Oktober 1836, der Aufbruch nach Zürich. Büchner ist mittlerweile 23 Jahre alt und ist einige Monate zuvor auf Grundlage seiner Arbeit über das Nervensystem der Barbe zum Doktor der Philosophie ernannt worden.  Nach einer Probevorlesung an der philosophischen Fakultät in Zürich bietet man ihm nun an, Privatdozent zu werden. Ein Angebot, auf das er hingearbeitet hat und das er nach Erhalt des vorläufigen Asylrechts annimmt.

Schon auf seinem Weg in die Schweiz fallen Büchner die drastischen Unterschiede der in Deutschland propagierten und der tatsächlichen Schweiz auf, die er in einem Brief seinen Eltern schildert. Man begegne einander freundlich und die Häuser und Dörfer seien von einer Schönheit und einem Wohlstand, wie man es sich im damaligen Deutschland kaum habe erdenken können. Er zieht in ein Haus der damaligen Steingasse. Zu seinen Nachbarn gehören alte Straßburger Bekannte, Caroline und Wilhelm Schulz, zu denen er die Freundschaft  wieder aufleben lässt. So streichen die Tage des Jahres 1836 dahin, nicht ungenutzt, so schreibt der 23-jährige Ende November in einem Brief an seinen jüngeren Bruder Ludwig, er säße die Tage mit dem Skalpell und die Nächte mit den Büchern. Rückblickend sieht Ludwig seinen Bruder in Zürich als „meist heiter und voll Zufriedenheit“. Der Dezember vergeht und 1836 neigt sich seinem Ende.

Das neue Jahr bricht an und mit ihm die letzten anderthalb Monate, die Georg Büchner zu leben haben soll. In Briefen nach Straßburg an seine Geliebte Minna beschreibt er eine Trägheit und einen Schwermut, die ihn nun, da er in Zürich alles kennt, befallen haben. Die tägliche Routine werde immer öder und das österliche Wiedersehen sei kaum abzuwarten. So sehr sehne er sich nach Minna und Straßburg, dass er sie zuweilen, wie er schreibt, zwischen seinen Präparaten zu sehen glaube. Doch immerhin findet er neben der Ödnis Freude an der Poesie und arbeitet an der Fertigstellung seiner literarischen Werke. Der Erkältung, die Büchner im späten Januar plagt, misst dieser wenig Bedeutung bei. Stattdessen plant er noch, nun da beruflich alles gut läuft, bald in ein prächtigeres Haus umzuziehen. Niemand ahnt, dass die Tage des jungen Büchners gezählt sind.

Ehe man sich versieht, hat der Februar begonnen und mit ihm kommt ein anhaltendes Unwohlsein. Von nun an verschlechtert sich Büchners Zustand stetig, und auch wenn der endgültige Verlauf der Krankheit noch nicht absehbar ist, macht man sich Sorgen um ihn. Das Ehepaar Schulz übernimmt die Krankenpflege und Caroline dokumentiert den Krankheitsverlauf in ihrem Tagebuch. So beginnt es mit Unwohlsein und Fieber, und führt schnell zu Schlaflosig- und Reizbarkeit. Einige Tage bringt Büchner in diesem Zustand im Bett zu. Fiebrig, schlaflos, gereizt. Eines Morgens, im Zuge einer kurzweiligen Besserung seines Befindens, schreibt er an seine geliebte Minna, endet mit einem Abschied und lässt eine Locke seiner selbst beilegen, ehe er sich wieder ins Bett legen muss, aus welchem er kaum noch wieder aufstehen werde. Nachdem Büchner in den folgenden Tagen schwerer Husten und eine Teilnahmslosigkeit befallen, beschließt man erstmals einen Doktor zu Rate zu ziehen, der dem Erkrankten das Faulfieber diagnostiziert. Mitte Februar beginnen rauschartige Zustände. Zuweilen spricht Büchner auf Französisch zu seiner Minna – die ihn jedoch in Straßburg schwer hören kann. Auf letzten Metern glaubt Büchner sich verfolgt oder gar in Gefangenschaft. Gefangenschaft, der er einst so knapp entgangen war, und die doch solch tiefe Spuren hinterlassen hat.

Am 17. Februar trifft endlich Minna, seine Verlobte in Zürich ein. Voller Sorge um Georg hat sie sich auf den Weg von Straßburg in die Schweiz gemacht. Georg erwacht  kurzzeitig aus seinen Fieberfantasien. Er scheint Minna zu erkennen. Doch die wachen Augenblicke sind nur von kurzer Dauer. Als Büchner am Morgen des 19. Februars vor Schwäche kaum noch atmen kann, ahnen seine Freunde den baldigen Tod. Nur wenige Stunden später stirbt Georg Büchner. Und völlig unvermutet endet jäh ein Leben, in dem noch so viel hätte geschehen können. Noch am selben Tag wird der Leichnam auf dem nächstgelegenen Friedhof „Krautgarten“ unter Anteilahme vieler angesehener Bürger der Stadt begraben.

Ist es zu fassen, dass zu Ende sein soll, was gerade erst begonnen hat? Das Leben eines ehrgeizigen Mediziners, eines polarisierenden Schriftstellers, eines politischen Kämpfers.

Hier endet die Geschichte des jungen Georg Büchner. Ein Mann, der in seinen 23 Jahren genug erlebt hat, um doppelt so viele Lebensjahre zu füllen. Der vielleicht auch deshalb unermüdlich war, weil er spürte, dass seine Lebenszeit nicht ganz so lang bemessen sein sollte.

Revolutionär, Neurowissenschaftler, Dichter. Sein Leben war nicht von langer Dauer. Doch seine Talente leben bis heute fort.

Merle Casimir

 

Georg Büchner und seine akademische Laufbahn in Straßburg

Aufgrund seines Interesse an der Medizin und den Naturwissenschaften sowie auf Bitte seines Vaters, dem Medizinalrat¹ Dr. Ernst Büchner, entscheidet sich Georg Büchner für ein Medizinstudium im Bereich der vergleichenden Anatomie an der Universität von Straßburg.

Unterkunft findet Büchner beim Pfarrer Johann Jakob Jaeglé, in dessen Tochter Wilhelmine Jaeglé, auch bekannt als Minna, er sich verliebt und mit der er zunächst eine heimliche Liebesbeziehung führt.

Am 24. Mai 1832 hält Georg Büchner vor der Studentenverbindung „Eugenia“, einer von Theologiestudenten² gegründeten burschenschaftlichen Gruppe, eine Rede über die damaligen Verhältnisse der deutschen Politik und wird so zum regelmäßigen Gast, „hospes perpetuus“.

Ein Jahr später verlässt Georg Büchner aufgrund der maximalen Studienzeit von zwei Jahren außerhalb von Darmstadt Straßburg und führt sein Medizinstudium in Gießen weiter. Durch die stetig wachsende Unzufriedenheit Büchners angesichts der politischen Verhältnisse im Großherzogtum Hessen sehnt er sich nach Straßburg – wegen der freiheitlichen Gesinnung und wegen seiner Minna.

Einige Jahre später, als Büchner nach Straßburg zurückkehrt, verfasst dieser 1836 seine Dissertation „Mémoire sur le système nerveux du barbeau“ ³, auf Deutsch das „Nervensystem der Barbe“. Büchner erforscht das Nervensystem der Barbe, welche „ein zur Familie der Karpfen gehörender Fisch mit braun- bis schwarzgrüner Oberseite und weißlichem Bauch [ist], der in rasch fließenden Gewässern lebt“ ⁴. Seine Arbeit stellt Büchner der „Gesellschaft für Naturwissenschaft“ in Straßburg vor, die dann seine Arbeit veröffentlicht und ihn als Mitglied aufnimmt. Am 03. September wird Büchner zum Doktor der Philosophie ernannt, am 05. November zum Privatdozenten berufen. Büchner leitet den Kurs „Zootomische Demonstrationen“, in denen die Anatomie von Fischen und Amphibien anhand von Präparaten gelehrt wird.

                                                                                                                                  Ruo Xi Zhou

¹ Medizinalrat: Medizinalbeamter der ersten Stufe der höheren Laufbahn
²http://buechnerportal.de/aufsaetze/die-studentenverbindung-eugenia
³Quelle: die Zeittafel im Büchnerhaus
⁴Quelle: Duden online,  http://wortwuchs.net/lebenslauf/georg-buechner/ https://www.aerzteblatt.de/archiv/147594/Georg-Buechner-(1813-1837)-und-die-Medizin-noch-Raum-genug-um-etwas-Tuechtiges-zu-leisten

 

 

„Friede den Hütten! Krieg den Palästen!“

Unruhig blickte Georg Büchner auf und fokussierte seinen Blick, der nun schon seit Minuten unruhig umherschweifte, auf den Mann vor ihm. Er nahm jede Bewegung von Friedrich Ludwig Weidig wahr, jedes Schmunzeln, jedes Stirnrunzeln, jedes Umblättern jener Blätter, die vor ihm auf dem kleinen Tisch lagen. Plötzlich hielt Büchner in seiner Beobachtung inne und erlaubte seinen Gedanken abzuschweifen. Wie viele Nächte hat er wohl damit verbracht, diese Zeilen zu schreiben? Nächte, an denen der junge Student lieber seine Medizinbücher hätte studieren sollen. Und doch – auf Büchners Gesicht stahl sich ein Lächeln. Er wusste genau: Mit dem Hessischen Landboten hatte er etwas noch nie Dagewesenes erschaffen!

Ein Meisterwerk, welches so einige Augen öffnen wird. Euphorie strömte durch Büchners Adern. Es juckte ihm in den Fingern, er wollte aufspringen, tanzen, der Welt ins Gesicht schreien und sich auf sie stürzen, um sie am Halse zu packen und wachzurütteln.

Doch Georg Büchner blieb sitzen. Ein kurzer Blick zu Weidig zeigte ihm, dass dieser fast am Ende des Textes war. Ungeduldig rutschte Büchner auf seinem unbequemen Stuhl hin und her, es zog ihn nach draußen, er wollte die kühle Nachtluft auf seinem müden Gesicht spüren.

Weidig blickte auf. Büchner fühlte sein Herz immer schneller und lauter in seiner Brust pochen. Eine gefühlte Ewigkeit blickte Weidig sein jüngeres Gegenüber an – und lächelte.

Milena Schmid

 

Revolutionär entlaufen!

Georg Büchner, geboren 17.10.1813 in Goddelau, hat sich in diesem Jahr 1835 einer Gerichtsverhandlung entzogen.

Vorsicht ! Der Mann ist gefährlich! Er ist ein potentieller Gefährder des Staates und er verbreitet radikale, das Volk aufwiegelnde Parolen wie „Friede den Hütten, Krieg den Palästen!“ und verteilt gefährliche Propagandaschriften unter dem nur scheinbar unscheinbaren Titel Der Hessische Landbote. Er steht in engstem Kontakt mit Friedrich Ludwig Weidig und anderen potentiellen Staatsfeinden, ist vogelfrei und befindet sich wahrscheinlich auf der Flucht!

Erkennungsmerkmale: Georg Büchner ist ein junger Mann von 21 Jahren mit einem echtem Revoluzzergesicht : frische Gesichtsfarbe, blondes Haar , blonde Augenbrauen und blonder Bart. Er hat außerdem :

  • graue Augen
  • eine sehr gewölbte Stirn
  • einen  kleinen Mund
  • ein rundes Kinn
  • ein ovales Gesicht
  • eine starke Nase
  • eine kräftige, schlanke Statur

Er ist 6 Schuh und 9 Zoll neuen Hessischen Maßes groß. Außerdem ist er kurzsichtig.

Falls er gesichtet wird: Sofort ergreifen und uns ausliefern!

Die Belohnung ist sehr hoch: 10000 Gulden !

Vielen Dank!

                                                                                                                                                                                                                                                                    Sophie Press

 

Die Büchner-Kinder

Im Frühling 1835 sah man einige Tage lang an der Gartenmauer der Büchners eine Leiter lehnen. Sie mag wohl schlicht gewesen sein, wie sie da so stand, unauffällig genug, um kein allzu großes Aufsehen zu erregen, aber für den jungen Georg Büchner war sie der Weg in die Freiheit.

Nachdem er seine Agitationsschrift Der hessische Landbote veröffentlicht hatte, war er langsam aber sicher auf die „Abschussliste“ der zeitgenössischen Adeligen gerutscht mit seiner revolutionären Meinung von Aufstand und Gleichheit. Jetzt, im Frühjahr 1835, wenige Monate nach dem Landboten, war er ein steckbrieflich Gesuchter, der sich im Elternhause erneut ein Heim gemacht hatte. Bis dahin waren Herr und Frau Büchner wohl kaum über das politische Engagement ihres Ältesten informiert gewesen; Georgs Geschwister hingegen? Zu denen pflegte er eine engere Beziehung und sie waren sich wohl der Aktivitäten des Bruders bewusst.

Von jungen Jahren an war es ausgerechnet der Vater Ernst, der einen regen Austausch unter den Geschwistern aktiv förderte. Bei den Mahlzeiten forderte er seine Sprösslinge zur Unterhaltung auf, obwohl die meisten anderen Kinder dieser Zeit zu Tische zu schweigen hatten. Doch da hörten die Unterschiede zu den anderen Kindern ihrer Zeit nicht auf: Wo das normale Mädchen früher nicht mehr als im Lesen, Schreiben und einfachen Rechnen unterrichtet wurde, gelang es den Büchner-Mädchen mithilfe der Materialien der Brüder, sich selbst weiterzubilden. Ob hinter dem Rücken des Vaters oder mit dessen Hilfe ist nicht sicher, wohl aber schienen die Jungen der Familie, Wilhelm, Ludwig, Georg und Alexander, willig gewesen zu sein, den Schwestern Gelerntes zu vermitteln.

In dem Hause der Büchners wuchsen sechs junge Menschen heran, die ihre Zeit auf ihre eigene Art prägen würden. Georg, der Älteste, der schon zu Schulzeiten mit seinen ungewöhnlich liberalen Ansichten bei Referaten und Reden auffiel, trug sicher seinen Teil dazu bei, indem er den Geschwistern gewissermaßen aufzeigte, wie man die damalige Welt erfolgreich aufmischen konnte. In dem Hessischen Landboten formulierte Georg einen Aufruf zum Umsturz der Gesellschaftsordnung, wie es zuvor noch keiner gewagt hatte. Er agierte im Untergrund, verborgen vor den Blicken der Adligen.

Aufgrund des regen Austausches, persönlich oder per Post, den die Geschwister stets pflegten, wussten die verbliebenen Büchner-Kinder um den Bruder, und sie schienen ihm zu vertrauen und seine Meinungen zu teilen. So wurde Luise Büchner zum Beispiel später eine der bedeutendsten Frauenrechtlerinnen ihrer Zeit, die mit ihren liberalen Überzeugungen viel Aufmerksamkeit auf sich lenkte und Ludwig und Alexander kämpften, entgegen aller Verbote der Oberschicht, für die Entstehung einer Deutschen Republik.

Ob es nun aber die Erziehung des Vaters oder der Einfluss Georgs war, der die Geschwister inspirierte, bleibt fraglich. Vielleicht lag es ihnen aber auch nur im Blut, ähnlich dem großen Bruder, Bedeutendes zu vollbringen.

Die Büchnerbande war eine eng verschworene Geschwistergruppe, die sich all die Jahre treu blieb.

Und sie waren es auch, Mathilde, Wilhelm, Luise, Ludwig und Alexander, die die Leiter an die Gartenmauer lehnten, damals im Frühling 1835; als Fluchtweg für den berühmten großen Bruder, in dessen Schatten sie auch Jahrzehnte später noch stehen sollten.

Jana Grönsfelder

 

Georg Büchner 1821

Der achtjährige Georg hat den heutigen Unterricht mit Mutter Carolin beendet und wartet nun auf des Vaters Ankunft. An diesem Tage erhält er das erste Mal die Chance, ein Werk Schillers in Händen halten zu dürfen. Später sollte der junge Georg sich noch kritisch mit Schillers Ansichten auseinandersetzen und dessen Figuren „Marionetten mit blauen Nasen und affektiertem Pathos“ nennen.

Georgs Vater, Ernst Büchner, ist stets ehrgeizig und praktiziert als Distriktarzt in Goddelau und Umgebung. Der Junge interessiert sich ebenfalls für die Wissenschaften der Natur, Sprachen und Geschichte sind für den Jungen „toter Kram“. Später sollte er sich jedoch detailliert der Geschichte der französischen Revolution widmen und seinen Danton schreiben. Im Gegensatz zum Vater wird der Junge das Handeln Napoleons stets kritisieren. Ernst Büchner hingegen ist froh, dass Napoleon dem unruhigen Treiben ein Ende gegeben hat.
Es ist so weit: Der Vater kommt heim und die Familie begibt sich zu Tisch. Georg ist das erste von 6 Kindern, die es später alle zu großem Ansehen bringen sollten: zum Beispiel Alexander als Professor der Literaturgeschichte, Luise als Vorkämpferin der Frauenbewegung, Ludwig als bedeutender Philosoph. Legte der freie Gedankenaustausch im Hause Büchner das Fundament für die liberalistische Gesinnung? Der Vater führt seine Kinder stets mit strenger Hand, um bei ihnen denselben Ehrgeiz hervorzurufen, den er immer an den Tag legte, um seine Stellung zu erreichen. Und doch ist es den Kindern erlaubt, zu Tisch zu diskutieren und ihrem Vater über ihre Tätigkeiten zu berichten. Noch hinterfragt der junge Georg die monarchistischen Ansichten seines Vaters nicht, sondern berichtet von seinen Interessen an den Naturwissenschaften. Ernst Büchners stellte sich vor, dass sein ältester Sohn später einmal an der medizinischen Fakultät in Straßburg ein Studium absolvieren würde, dieser Wunsch sollte seinem Vater erfüllt werden. Auch wenn es keine wissenschaftlichen Erkenntnisse Georg Büchners sind, die ihn bis zum heutigen Tage zu einem Objekt des Schulunterrichts an Oberschulen machen…

Tom Marold

 

 Georg Büchner und Wilhelmine Jaeglé

Georg Büchner und Wilhelmine Jaeglé treffen sich das erste Mal, als Büchner nach Straßburg kommt, um Medizin zu studieren. Er wohnt bei Pfarrer Johann Jakob Jaeglé, dem Vater von „Minna“. Im Jahre 1832 verloben sich die beiden heimlich, doch schon im nächsten Jahr muss Büchner zurück nach Darmstadt kehren. In der Zeit schreiben sie sich Briefe, die zu den schönsten, leidenschaftlichsten und sehnsuchtsvollsten Liebesbriefen der deutschen Literatur zählen mögen: „Was kann ich sagen, als dass ich dich liebe; was versprechen, als was in dem Wort Liebe schon liegt, Treue?“ (Georg Büchner an Minna, März 1834)

Seit er über die Rheinbrücke gegangen ist, sei ihm die Seele genommen.

Während seiner naturwissenschaftlichen Forschungen erscheint ihm das Bild der Geliebten: „Ich sehe dich immer so halb durch zwischen Fischschwänzen, Froschzehen etc. Ist das nicht rührender, als die Geschichte von Abälard, wie sich ihm Heloïse immer zwischen die Lippen und das Gebet drängt? O, ich werde jeden Tag poetischer, alle meine Gedanken schwimmen in Spiritus“ (Januar 1837).

Als Büchner in Zürich im Sterben liegt, ist Wilhelmine bei ihm. Für ihn reist sie den ganzen Weg von Straßburg, der Stadt, in der sie Georg das erste Mal getroffen hat, nach Zürich, wo sie ihn das letzte Mal sehen wird. Und auch nach seinem Tod bemüht sie sich um die Veröffentlichung seiner Schriften und schickt seiner Familie Abschriften seiner Briefe.

Adiza Moustapha

 

Büchner in Straßburg – ein neues Lebensgefühl

Wenn man mal einen Blick auf die Biographie des deutschen Autors Georg Büchner wirft, fallen zwei Dinge ins Auge: Sein früher Tod mit schon 23 Jahren und die außergewöhnliche Fülle an Aktivitäten, die das kurze Leben dieses so vielfältig interessierten und engagierten Dichters prägen. Büchner verfasste mit Anfang 20 vier in Deutschland regelmäßig besprochene Werke – Leonce und Lena, Dantons Tod, Woyzeck, Lenz –, klagte in der brisanten Flugschrift Der hessische Landbote die sozialen Missstände seiner Zeit an und war ein ambitionierter Naturwissenschaftler.

Nach seiner Entlassung aus dem Darmstädter Gymnasium im Mai 1831 begann Büchner, der aus einer Ärztefamilie stammte, im November 1831 sein Medizinstudium in Straßburg und studierte dort vier Semester. Eine Unterkunft fand er bei dem evangelischen Pfarrer Johann Jacob Jaeglé.

Nun also Frankreich. Der aus heutiger Sicht vielleicht nicht so prägnant anmutende Unterschied zwischen der nah an der deutschen Grenze liegenden Stadt Straßburg und Darmstadt war damals umso riesiger. Man muss sich ein schmuddeliges, unattraktives Örtchen, in dem die Auflehnung gegen die Regierungsmacht der Fürsten noch nicht etabliert ist, im Gegensatz zur akademisch, politisch und gesellschaftlich weit entwickelten und florierenden Stadt Straßburg vorstellen. Für Büchner war dieser Kontrast belebend.

Er verliebte sich in Wilhelmine Jaeglé, „Minna“, die Tochter seines Vermieters, die bis zu seinem Tod die große und einzige Liebe des jungen Dichters blieb.

Nicht nur in Liebesdingen, sondern auch für den politischen Diskurs war die Straßburg-Zeit prägend für Büchner. An der Universität, wo er Vorlesungen in Anatomie und Zoologie besuchte, traf der junge Student viele neue Leute, die sein revolutionäres Gedankengut teilten Geprägt von den Einflüssen der Französischen Revolution, herrschte vor allem unter den jungen Leuten eine rege Diskussionskultur. In den sozusagen frühkommunistischen Studentenvereinigungen fand Büchner ein Umfeld von Gleichgesinnten, das ihn beseelte. Später sollte er sagen, Straßburg sei seine glücklichste Zeit gewesen.

Im Jahre 1833 musste Georg Büchner aus Straßburg abreisen, um sein Studium an der Universität in Gießen fortzuführen. Enttäuscht darüber, sich von seiner Liebsten und den Kommilitonen trennen zu müssen, nahm er doch einige entscheidende Erkenntnisse aus Straßburg mit.

Zurück im Großherzogtum Hessen setzte sich Büchner für eine radikale Abkehr von der Vormachtstellung der Fürsten ein und öffnete vielen, die unter der repressiven Herrschaft der Fürsten litten, die Augen. Wer weiß, was dieses vielversprechende Talent noch alles hätte bewegen können.

Leonore Schönau

 

Büchners illegaler Aufenthalt in Straßburg 1835-1836

Nach der überstürzten Flucht aus seinem Elternhaus in Darmstadt, welche über geheime Routen für untergetauchte Revolutionäre führte, kam Büchner 1835 endlich wieder in Straßburg, seiner Herzensstadt, an. Ohne Aufenthaltsgenehmigung war es ihm untersagt, zu studieren und zu arbeiten, es blieb ihm also nur eines: zu schreiben.

Gutzkow, ein Freund und Revolutionär aus Deutschland, unterstützte ihn bei diesem Vorhaben und überarbeitete das Drama Dantons Tod, sodass es ab dem 26. März im „Sauerländer Phönix“ erscheinen konnte.

Mit der Zeit stieg Büchners Angst um seine Freunde und Bekannten aus dem Kreise der „Gesellschaft der Menschenrechte“, eine Zusammenkunft von Revolutionären, da bei Durchsuchungen Flugblätter des Hessischen Landboten gefunden und daraufhin mehrere Akteure verhaftet wurden.

Jedoch waren ihm in Straßburg die Hände gebunden und er widmete sich weiterhin dem Schreiben. Er begann mit seiner berühmten Erzählung Lenz. Und wieder bediente er sich der Montagetechnik: Er übernahm große Passagen aus den Berichten des Pfarrers Oberlin, der den Sturm und Drang-Dichter Lenz bei sich beherbergt hatte, und gestaltet mit einem Gespür für Lenzens existentielle Angst den Text dichterisch aus.

Im Mai begann Büchner sich in den Kreisen der in Straßburg lebenden, aus politischen Gründen Geflüchteten zu bewegen und lernte dort seinen baldigen Freund Wilhelm Schulz kennen. Weitere Bekannte Büchners folgten ihm und kurz darauf geschah das, wovor er sich die ganze Zeit gefürchtet hatte: Es erschien ein Aufruf zur Auslieferung und Festnahme mit seinem Steckbrief in der Zeitung. Büchners Angst war gestiegen, jedoch bat ihm die Stadt Straßburg eine Sicherheitskarte an, die er kriegen sollte, sobald er seinen Geburtsschein vorzeige. Dieser musste jedoch erst einmal in seiner Heimatsstadt Goddelau beantragt werden…

Illeana Leonhardt und Ida Niehoff

 

Leben und Tod in Zürich

Georg Büchner floh nach Straßburg ins Exil und kam im Herbst 1836, vier Monate vor seinem Tod, über Umwege nach Zürich.

Erst im Sommer zuvor hatte er seine Dissertation der philosophischen Fakultät geschickt und wurde am 3.September 1836 tatsächlich zum Doktor der Philosophie an der Universität Zürich ernannt.

Durch den immer größer werdenden politischen Druck auf Büchner, vor allem durch das verbotene Flugblatt Der hessische Landbote und seinem unerlaubten Aufenthalt in Straßburg, kam ihm das Angebot sehr willkommen. So zog er am 18. Oktober 1836 für seine erste Probevorlesung nach Zürich in die Schweiz, die durch ihre liberale Asylpolitik ein bekanntes Ziel politischer Emigranten war. Zusammen mit Altbekannten, dem Ehepaar Caroline und Wilhelm Schulz, die selbst als politische Flüchtlinge des Großherzogtums Hessen in die Schweiz kamen, wohnte er in der heutigen Spiegelgasse 12, in einem nur karg möblierten Zimmer.

Schon kurz nach seinem Umzug und nach seiner öffentlichen Probevorlesung über die Schädelnerven verschiedenster Wirbeltiere, wurde Büchner zum Privatdozenten für vergleichende Anatomie ernannt. Seinen Kurs „Zootomische Demonstrationen“, in dem er die Anatomie von Fischen anhand eigens angefertigter Präparate lehrte, wurde aber nur von wenigen Studenten besucht.

Schon vor dem Verlassen seines geliebten Straßburgs begann Büchner mit den Entwürfen seines bekanntesten Dramas Woyzeck und dem kritischen Lustspiel Leonce und Lena. In Zürich arbeitete er eifrig daran weiter und bereitete sich gleichzeitig auf das nächste Semester vor. „Ich sitze am Tage mit dem Skalpell und die Nacht mit den Büchern“, schrieb er seinem Bruder Wilhelm Ende November.

Anfang des Jahres 1837 wurde Büchner jedoch krank, vermutlich durch eines seiner wissenschaftlichen Präparate. Optimistisch hielt er seine Symptome anfangs für eine Erkältung und schrieb seiner Verlobten „Minna“, Wilhelmine Jaeglé: „Mein lieb Kind, Du bist voll zärtlicher Besorgnis und willst krank werden vor Angst; ich glaube gar, Du stirbst – aber ich habe keine Lust zum Sterben und bin gesund wie je“.

Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich jedoch schnell. Büchner wurde immer schwächer und konnte mit hohem Fieber das Bett bald nicht mehr verlassen.

Der Arzt diagnostizierte am 15. Februar 1837 schließlich Typhus. Caroline Schulz, seine Mitbewohnerin, pflegte den delierenden jungen Mann und benachrichtigte auch seine Verlobte, die zwei Tage später aus Straßburg kommend, in Zürich eintraf. Am 19. Februar, Sonntagnachmittag, verstarb Georg Büchner im Alter von 23 Jahren im Beisein seiner Verlobten. An Büchners engen Freund Eugène Boeckel schrieb sie: „Er ist sanft eingeschlummert, ich habe ihm die Augen zugeküsst.“

Georg Büchner wurde auf dem Züricher Stadtfriedhof „Krautgarten“ beigesetzt und fand seine letzte Ruhe, nach einer Umbettung 1875, auf dem Germaniahügel am Zürichberg.

Ida Städter