Musterschule trauert um Dieter Kallus

In der vergangenen Woche ist für uns unerwartet Oberstudiendirektor Wolf Dieter Kallus, der ehemalige Leiter unserer Schule, im Alter von 78 Jahren verstorben. Mit seinem Tod ist eine der initiativsten und prägendsten Persönlichkeiten in der Chronik der Musterschule von uns gegangen.

Dieter Kallus war Schulleiter von März 1988 bis zu seiner Pensionierung im Februar 2006. Unter seiner Leitung gelang es der Musterschule, sich als traditionsreiche bürgerliche Bildungsanstalt der Stadt Frankfurt quasi neu einzurichten, indem sie sich auf ihren Gründungsauftrag zurückbesann, nämlich „Probier- und Experimentierschule“ zu sein und wegweisende pädagogische Modelle zu entwickeln, zu erproben und zu etablieren.

In schulpolitisch bewegter Zeit behauptete das von Kallus geleitete Gymnasium seinen Standort im Nordend und wurde entgegen manch ideologischer Skepsis im Ansehen wieder zu „der“ und sogar „unserer“ Musterschule mit besonderen Bildungsangeboten, die einerseits den Schülerinnen und Schülern in Stadtteil, Stadt und Umland unmittelbar zugute kommen und die andererseits und zugleich der Bildungslandschaft in ganz Hessen neue Wege und Perspektiven eröffnet haben.

„Wer aufhört, besser zu werden, hört auf, gut zu sein“ war Dieter Kallus Leitsatz für sein pädagogisches und organisatorisches Engagement. Als Biologie- und Sportlehrer zunächst an der Liebigschule tätig, arbeitete er mit beim Entwurf des forschend-entwickelnden Unterrichtsverfahrens und war Mitautor der hessischen Kursstrukturpläne und des neuen Lehrplans im Fach Biologie. Schon ehe die Schulautonomie vom Kultusministerium für ganz Hessen ausgerufen wurde, setzte Kallus als Leiter an der Musterschule Prozesse der Profilbildung, des Schulprogramms, der Qualitätsentwicklung und der Evaluation in Gang. Dazu öffnete er die Schule auch für Kooperationen mit außerschulischen Institutionen.

Ein besonderes Anliegen war Kallus die Idee der Einrichtung eines erweiterten Musikunterrichts, den es in Hessen bis dato an keiner Schule als offizielles Angebot gab. Angeregt von Konzepten der Musikgymnasien und Musischen Gymnasien in anderen Bundesländern, insbesondere auch im engen Kontakt mit dem Spezialgymnasium Schloss Belvedere in Weimar entwickelte Kallus für die Musterschule die Konzeption eines Gymnasiums mit Schwerpunkt Musik. Er fand im benachbarten Dr. Hoch´s Konservatorium und dessen Direktor Frank Stähle einen Partner zur Zusammenarbeit bei der Verstärkung der musikpraktischen Anteile im Musikunterricht, z. B. im Instrumentalspiel.

Mit viel Geschick, Ausdauer und politischer Überzeugungsarbeit gelang es Kallus, die Schulbehörden und zuoberst das Kultusministerium für sein Vorhaben zu gewinnen, um die nötigen Erlasse, Mittel- und Stellenzuweisungen zu erreichen und ab dem Schuljahr 1990/91 mit der Gründung und dem Aufbau des ersten Modells eines „Schwerpunkts in Musik“ an einer allgemeinbildenden Schule in Hessen an der Musterschule zu beginnen. Kallus, die Musterschule und die Kolleginnen und Kollegen der Musikfachschaft wurden damit zu Vorreitern und Wegbereitern einer musikpädagogischen Strukturentwicklung, die dazu geführt hat, dass inzwischen annähernd 100 weitere Schulen in ganz Hessen einen „Schwerpunkt Musik“ bilden können.

Im Jahr 2005 wurde die Musterschule – noch unter der Leitung von Dieter Kallus und auf seine Initiative hin – in ihrer inzwischen langjährig und erfolgreich ausgebauten Kooperation mit dem Dr. Hoch´s Konservatorium durch das Kultusministerium zum ersten und bislang einzigen hessischen „Schulischen Zentrum zur Förderung musikalisch Begabter“ ernannt.

Neben diesem wohl größten schul(musik)politischen Verdienst für die Weiterentwicklung hessischen Schullandschaft bleibt das Wirken von Dieter Kallus im Schulbetrieb an der Musterschule alltäglich fühlbar, sichtbar, hörbar. In seine Amtszeit fiel die große und langwierige Sanierung des Altbautrakts der Schule, von ihm wurde die bauliche Restaurierung und hochqualitative Ausstattung der Aula als multifunktionalem Veranstaltungsraum angestoßen, es wurde eine raumakustische Optimierung aller Klassenräume durchgeführt, der Bau des Mensa-Gebäudes erfolgte nach seinen Planideen, die Verlegung eines Tartanbodenbelags auf dem Schulhof realisierte er im Zusammenhang mit der Baumaßnahme an der Humboldtstraße.

Kallus humanes Anliegen war das Ideal einer Schulgemeinde im guten Verhältnis zwischen Schüler- und Elternschaft und Kollegium. Ihm fiel es zu, als erster Direktor das vom Ministerium neu ins Leben gerufene Gremium der Schulkonferenz zu leiten und eine sinnvolle Einbeziehung aller Beteiligten in die Kommunikations- und Entscheidungsprozesse der Schule zu strukturieren.

Trotz mancher gesundheitlicher Beschwerden, die ihn plagten, nahm Kallus auch in seinem Ruhestand weiter Anteil an der Entwicklung „seiner“ Musterschule. Zuletzt sah man ihn im Mai 2018 gemeinsam mit seiner Ehefrau Gerlinde als stolzen Zuhörer beim herausragenden und repräsentativen Auftritt des Kammerorchesters der Musterschule im Landeskonzert von „Schulen in Hessen musizieren“ im Kurhaus Wiesbaden.

Dieter Kallus starb am Donnerstag, 14. März 2019 nach kurzer schwerer Krankheit in Frankfurt. Die Musterschule ist ihm zu großem Dank verpflichtet und wird ihm allzeit ein ehrendes Andenken bewahren.

Für die Schulgemeinde

Stefan Langsdorf, OStD
Schulleiter

Für die Fachschaft Musik und das Schulische Zentrum zur Förderung musikalisch Begabter

Thomas Spahn, OStR
Koordinator

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