Theaterabend [(S)/he] an der Musterschule

Man kann ja durchaus unterschiedlicher Ansicht sein über die Frage der gender-konformen Sprache, aber eins ist klar: das Problembewusstsein über Benachteiligungen von Frauen und Diversen in einer männlich dominierten Familie, Gesellschaft, Arbeit, etc. ist heute immer noch ein virulentes und sehr diskussionswürdiges Thema und unbestreitbar verbesserungsbedürftig.
Wenn aber eine Schule sich dieses Themas im Rahmen eines Theaterabends widmet und dann dergestalt umsetzt, wie anlässlich des Babylonischen Abends in der Musterschule, dann geht das weit über bloßes Aufzählen von Benachteiligungssituationen hinaus und definitiv unter die Haut. Auch mir.
Die beteiligten Schüler und Lehrer haben es geschafft, eine erstaunliche Vielfalt von Situationen darzustellen, die ungewöhnlichsten Orte dazu zu suchen und spielerisch auszufüllen und beeindruckende und teilweise tief berührende Akzente zu setzen. Und das auch auf Englisch oder Französisch, oder gemischt mit deutsch. Ich gebe zu, ich war tief beeindruckt über Umsetzung, thematische Ausarbeitung und schauspielerische Qualität.
Aber langsam. Was ist denn passiert?
Ein erwartungsvolles Publikum sah sich in der Aula der Musterschule erst einmal mit einer augenzwinkernd-provozierenden Begrüßung von Schülerseite konfrontiert, Passagen und Wortspiele zu männlichen und weiblichen Pronomen auf englisch, französisch, deutsch, in großen Lettern visualisiert. Ebenfalls thematisch passend: die auffallend betont gender-konforme Begrüßung von Herrn Langsdorf; kurz: ein doppeltes Intro, das doppelt neugierig machte.
Danach wurde das Publikum in 8 Gruppen aufgeteilt und von Guides an die einzelnen Spielorte geführt, durch die ganze Schule, einige Performances fanden in Klassenzimmern statt (z.Bsp. die 8d mit überraschenden Wechseln in „TransChanger – or the Magic Sex Book“ oder die 7d mit einer herrlichen Umsetzung der Geschichte aus dem Paradies „Adam und Eva“) , andere einfach im Treppenhaus, auf dem Flur, im Hof vor den Toiletten (Respekt für die Integration dieser speziellen Lokalität) oder es wurde aus einem Fenster des Containeranbaus szenisch „herausgespielt“.
Und jetzt wollen Sie bestimmt wissen, welche Darbietung die beste war? Kann ich wirklich nicht sagen, denn die individuelle Umsetzung und die Unterschiedlichkeit der Herangehensweisen lassen sich nicht wirklich vergleichen.
Die einen setzen sketchartig Alltagssituationen um und spielten gekonnt und witzig mit Geschlechterrollen (DS-Kurs 9 „Rollenklischees vor dem WC“ oder Englisch LK „How to be a (wo)man?”) oder tauschten männliche in weibliche Protagonisten (und umgekehrt) im Märchen (8d „TransChanger – or the Magic Sex Book“), trällern augenzwinkernd-unbedarft den 70-er Jahre Hit „das bißchen Haushalt“, provozierten dadurch und boten passend zur Epoche (alkoholfreies) Herrengedeck und Kaffeekränzchen an.
Oder die schon oben erwähnte 7 d, die mit Herrn Gettler sich auf den Weg ins Paradies machte, dort unseren (nach der Bibel) ersten Vorfahren im Rahmen einer zusammenhängenden Geschichte männliche und weibliche Verhaltensmuster überzeichnend auferlegten.
Ganz anders wiederum das reine Schülerinnenprojekt Q4 mit „devenir.femme“, die in existentialistischer Manier, fast in der Tradition des Frankfurter Tanztheaters, die Entwicklung zur Frau darstellten, sich aus einem amorphen „Menschenhaufen“ zu agierenden Individuen entwickelnd die Frage stellten, was macht eine Frau zur Frau – und zum Mensch – oder wird die Frau gar erst zur Frau gemacht (?) und – teils auf französisch teils auf deutsch, teils flüsternd, teils schreiend – das Publikum mit diesen Fragen konfrontierten.
Ebenso intensiv und beeindruckend und doch wiederum ganz anders, der Französisch LK von Frau Steckenmesser, die mit „Antigone: NON“ , einer stakkato-artigen Aneinanderreihung einzelner Szenen aus der Tragödie hinter, bzw. aus einem Fenster des Containerbaus heraus darboten; Antigone in allen Facetten ihres Charakters, verrückt, crazy, stotternd, bieder, sich mit Erde beschmierend, schreiend, musizierend. War es das Thema der sich von den Zwängen des Herrschers und der Gesetze befreienden Antigone, die schauspielerischen Leistungen der Schülerinnen oder vielleicht doch die Parallelen zu heutigen Formen des Widerstandes oder der E-„mann“-zipation die zu Gänsehautmomenten führte?
Wie auch immer, ein großes, respektvolles „CHAPEAU!“ für diesen Abend, verbunden mit einem ganz herzlichen Dank für die Ausarbeitung, den Einsatz, die Performance (AG Aulatechnik: großartige Unterstützung!) und die Freude, die Impulse und das Stück Nachdenklichkeit, die alle Beteiligten uns, dem Publikum, mit ihren Vorstellungen bereitet haben.
Und an alle, die nicht da waren: Da habt Ihr leider echt was verpasst!!
In großer Vorfreude auf den nächsten Theaterabend an der Musterschule,
Ihr Gerald Freitag

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